Von Bärbel Tschech

Naturmedizinischer Wirkstoff Johanniskraut

Hypericum perforatum L.

Familie: Johanniskrautgewächse (Hypericaceae)

Kurz & knapp

Johanniskraut gilt als eingefangene Kraft der Sonne und ist seit jeher die beliebteste und wichtigste Heilpflanze bei Depressionen und Stimmungstiefs. Doch: Was gibt es bei der Anwendung zu beachten? Wir informieren hier über die interessante Pflanze und deren Wirkungen, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen.

Wenn man sich die strahlend gelben Blüten und die Wirkungsweise anschaut, versteht man schnell, warum diese Heilpflanze als eingefangene Kraft der Sonne gilt.

Das Johanniskraut ist die einzige einheimische Pflanze, deren stimmungsaufhellende Wirkung schon in vielen Studien nachgewiesen werden konnte. Deshalb werden Johanniskraut-Zubereitungen bei innerer Unruhe, depressiven Verstimmungen, leichten Depressionen bis hin zu mittelschweren Depressionen angewendet. Die Depression ist jedoch eine Erkrankung, deren Behandlung unbedingt in die Hand eines Arztes gehört. Aus diesem Grund sind Arzneimittel gegen Depressionen, so genannte Antidepressiva, immer verschreibungspflichtig. 

Da diese Heilpflanze bzw. die daraus hergestellten pflanzlichen Mittel aber auch bei nervöser Unruhe, Verstimmungszuständen und hormonell oder jahreszeitlich bedingten Stimmungstiefs zur Anwendung kommen, gibt es verschiedene Johanniskraut-Präparate auch freiverkäuflich in der Apotheke.

Was bewirkt Johanniskraut?

Inzwischen gehört das Johanniskraut zu den bestuntersuchten Heilpflanzen. Das erfahrungsheilkundliche Wissen wurde auch wissenschaftlich bestätigt: Johanniskraut hat eine stimmungsaufhellende Wirkung bei depressiven Verstimmungen. Es gilt damit als pflanzliches Antidepressivum. In wissenschaftlichen Studien konnte nachgewiesen werden, dass die Wirkung mit der Aktivität der Neurotransmitter zusammenhängt.

Das sind die Botenstoffe, die den Informationsfluss zwischen den Nervenzellen gewährleisten. Besonders der Neurotransmitter Serotonin wird durch die Inhaltsstoffe vom Johanniskraut positiv beeinflusst. Serotonin wird manchmal auch als „Glückshormon“ bezeichnet, obwohl es im eigentlichen Sinne des Wortes kein Hormon ist. Eine Depression geht meistens mit einem Serotoninmangel einher. Dementsprechend wirken sowohl pflanzliche als auch chemische Antidepressiva meist auf den Serotonin-Haushalt.

In welcher Dosierung sollte man Johanniskraut nehmen, damit es hilft?

Früher wurden die getrockneten Pflanzen häufig einfach mit kochendem Wasser übergossen und als Johanniskraut-Tee getrunken. Nach heutigem Wissen sollte man aber einen auf die Inhaltsstoffe Hypericin bzw. Hyperforin standardisierten Trockenextrakt verwenden.  Mindestens 300 mg von diesem Trockenextrakt sollten am Tag eingenommen werden, um eine stimmungsaufhellende Wirkung zu erzielen. Das muss über einen längeren Zeitraum kontinuierlich erfolgen. Entsprechende pflanzliche Arzneimittel gibt es in der Apotheke zu kaufen.

Wenn ein Arzneimittel zur Behandlung von mittelschweren Depressionen zugelassen ist, ist es verschreibungspflichtig. Das heißt: Für diese Medikamente zur Behandlung einer Depression braucht man ein Rezept vom Arzt. Es gibt jedoch auch verschiedene freiverkäufliche Johanniskraut-Produkte in der Apotheke. Diese können bei leichten depressiven Episoden unterstützen. Bei schweren Depressionen kommen synthetische Antidepressiva zum Einsatz, die wiederum der Arzt verschreiben muss.

Was sind Hypericin und Hyperforin?

An der Gesamt-Wirkung von Johanniskrautextrakten sind verschiedene Wirkstoffe beteiligt. Der exakte Wirkmechanismus ist nicht geklärt. Wissenschaftler halten jedoch die beiden Wirkstoffe Hypericin und Hyperforin besonders wichtig. 

Das rote Hypericin wird auch als Johannisblut bezeichnet. Es wirkt antidepressiv auf das Zentralnervensystem. Es kann aber auch eine Überempfindlichkeit gegenüber Sonnenlicht bewirken. Deshalb sollte man sich nach Anwendung des Rotöls nicht der direkten Sonneneinstrahlung aussetzen. Auch die für Arzneimittel genutzten Extrakte sind aus diesem Grund eher hypericinarm und dafür hyperforinreich.

Hyperforin ist besonders in den Stempeln der Blüten und den sich daraus entwickelnden Früchten enthalten. Der Pflanze dient es als sekundärer Pflanzenstoff wohl in erster Linie als Fraßschutz vor Insekten.

Welche Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln sind möglich?

Da Johanniskraut inzwischen durch viele Studien sehr gut untersucht ist, weiß man auch viel über die eventuell möglichen Nebenwirkungen und Wechselwirkungen.

Ein Problem von hochdosiertem Johanniskraut-Extrakt kann beispielsweise sein, dass bestimmte Enzyme in der Leber in ihrer Aktivität angeregt werden. Manche dieser Enzyme sind unter anderem für den Abbau anderer Medikamente verantwortlich. Die Aktivierung kann dazu führen, dass diese Arzneimittel schneller als üblich abgebaut werden. Dadurch könnte ihre Wirkung beeinträchtigt werden.

Aus diesem Grund dürfen Johanniskraut-Produkte nicht zusammen mit lebenswichtigen Arzneimitteln eingenommen werden, die mit Hilfe dieser bestimmten Enzymgruppe abgebaut werden. Sie finden die entsprechenden Hinweise im Beipackzettel unter den Stichworten Gegenanzeigen bzw. Kontraindikationen. Manchmal steht dieser Hinweis auch unter der Überschrift „Wann dürfen Sie Johanniskraut nicht einnehmen?“.

Diese mögliche Wirkabschwächung kann auch andere Medikamente betreffen. Bekanntestes Beispiel sind hormonelle Verhütungsmittel, wie die Pille, die ja auch unter dem Namen Anti-Baby-Pille bekannt ist. 

Werden wegen einer bestehenden Depression bereits andere Antidepressiva eingenommen, kann es durch die zusätzliche Einnahme hochdosierter Johanniskraut-Präparate zum so genannten Serotonin-Syndrom kommen. Das gilt vor allem für Arzneimittel aus der Gruppe der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. 

Entsprechende Hinweise finden Sie unter dem Stichwort „Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten“ in der Packungsbeilage. Besprechen Sie die kombinierte Einnahme von den hier genannten Arzneimitteln mit Johanniskraut immer vorher mit Ihrem Arzt oder Apotheker.

Welche Nebenwirkungen hat Johanniskraut?

Johanniskraut wird im Allgemeinen sehr gut vertragen. Unerwünschte Nebenwirkungen sind selten, aber möglich – wie bei fast jedem Arzneimittel. Vereinzelt können beispielsweise Magen-Darm-Probleme auftreten. Am bekanntesten sind jedoch eventuell mögliche Nebenwirkungen, die in Zusammenhang mit der Sonne stehen.

Darf man an die Sonne oder ins Solarium, wenn man Johanniskraut nimmt?

Immer wieder hört und liest man, dass Johanniskraut die Lichtempfindlichkeit erhöht. Das kann tatsächlich sein, v.a. bei sehr sonnenempfindlicher Haut. Vielleicht hängt diese Beobachtung aber auch damit zusammen, dass die graue Jahreszeit die Zeit ist, in der am meisten Johanniskraut-Produkte eingenommen werden.  Im Frühjahr, während der ersten Sonnenstrahlen, ist die Haut immer deutlich empfindlicher gegenüber der UV-Strahlung. Deshalb: Schützen Sie Ihre Haut immer gut vor zu viel UV-Strahlung und testen Sie Ihre individuelle Lichtverträglichkeit durch langsame Steigerung der Licht-Exposition vorsichtig aus. Das gilt in jedem Fall – auch, wenn Sie keine Johanniskraut-Präparate einnehmen.

Noch ein Tipp: Schauen Sie im Beipackzettel Ihrer anderen Arzneimittel nach, ob diese eventuell phototoxisch sind. Durch Johanniskraut könnte dieser Effekt noch verstärkt werden. Phototoxisch bedeutet, dass durch Sonnenlicht direkte Hautreaktionen auftreten können. Johanniskraut selbst wirkt jedoch nicht phototoxisch!

Heißt es Johanniskraut oder Johanneskraut und was bedeutet der Name?

Obwohl der Heilige Johannes der Namensgeber für das Echte Johanniskraut ist, wird der Pflanzenname doch mit „i“ geschrieben. Der Blühbeginn Ende Juni machte sie zum Symbol der heidnischen Sonnenwend-Feiern am 21. Juni. Im Zuge der Christianisierung wurden die Feiern auf den 24. Juni, den Gedenktag des Heiligen Johannes verlegt. Seither trägt es seinen Namen.

Woher kommt der lateinische Name perforata?

Zu Zeiten des Paracelsus wurde die Pflanze „Perforata” genannt. Grund war eines ihrer charakteristischen Merkmale: die wie perforiert, also durchlöchert scheinenden Blätter. Deshalb wird es auch Tüpfel-Johanniskraut genannt oder wissenschaftlich Hypericum perforatum.
Der Sage nach sollen diese Löcher vom Teufel stammen. Aus Wut über die Macht, die das Kraut über ihn besaß, soll er die Blätter mit seinem Dreizack durchbohrt haben. Kein Wunder, denn keiner anderen Heilpflanze wurde von unseren Vorfahren so viel zauber- und teufelabwehrende Kraft zugeschrieben wie dem Johanniskraut. Als Ursache sahen unsere Vorfahren das sonnenhafte, alles erhellende Wesen: Die Blütenblätter sind sonnengelb und die Staubblätter Sonnenstrahlen-ähnlich.

Heute wissen wir, dass Johanniskraut tatsächlich eine heilende Wirkung auf Körper und Seele ausüben kann. Diese vermeintlichen Löcher sind jedoch winzige, mit Öl gefüllte Drüsen. Diese kleinen Ölbehälter sind durchscheinend, wenn man die Blätter gegen die Sonne hält. Das darin enthaltene Johanniskraut-Öl kann man herauslösen, indem man das in voller Blüte stehende Kraut pflückt, in ein Glas steckt, mit einem guten Öl übergießt, fest verschließt und einige Zeit auf dem Fensterbrett ziehen lässt. Das entstandene Rotöl ist zur äußerlichen Anwendung geeignet. Es hat eine hautpflegende und heilende Wirkung, sodass es beispielsweise gern bei trockener Haut und nach leichten Verbrennungen (Sonnenbrand) angewandt wird.

Hat Johanniskraut was mit Johannisbrotkernmehl zu tun?

Nein! Die einzige Gemeinsamkeit ist der Name, der sich auf Johannes den Täufer bezieht. Beim Echten Johanniskraut (Hypericum perforatum) liegt das am Beginn der Blütezeit, die um den 24. Juni liegt, also um den Gedenktag für den Hl. Johannes. Ansonsten ist das Johanniskraut eine krautige Pflanze aus der botanischen Familie der Johanniskrautgewächse. Der Johannesbrotbaum dagegen ist ein Baum aus der Familie der Schmetterlingsblütengewächse.

Er kommt im Mittelmeergebiet vor und trägt bis zu 30 cm lange Früchte – die Johannisbrotschoten oder Karuben. Diese enthalten 10 bis 15 etwa einen Zentimeter lange Samenkörner – die Johannisbrotkörner. Aus diesen wird das Johannisbrotkernmehl hergestellt. Der Name könnte sich darauf beziehen, dass Johannes der Täufer sich während seines Aufenthaltes in der Wüste von den Früchten und Samen ernährt haben soll.

Hypericum-perforatum-Extrakte in der Pflanzenheilkunde und in der Homöopathie

In der Phytotherapie steht die antidepressive Wirkung von Johanniskraut-Extrakten im Vordergrund der innerlichen Anwendung. Die Extrakte sind deshalb auf den Gehalt der wirksamen Inhaltsstoffe Hyperforin bzw. Hypericin standardisiert. Johanniskraut-Öl dagegen wird äußerlich bei Verletzungen angewendet. Es ist auch als Rot-Öl bekannt. 

Die antibiotisch wirkenden Gerbstoffe werden jedoch weniger mit Öl, sondern mehr durch Alkohol aus dem Johanniskraut herausgelöst. Deshalb stellt man auch alkoholische Hypericum-Extrakte her. Diese werden dann weiterverarbeitet. Sie sind die Grundlage für die Herstellung von Urtinkturen und homöopathischen Mitteln.

In der Homöopathie kommt Johanniskraut unter der Bezeichnung Hypericum u.a. in der Wundheilung zur Anwendung. So ist Hypericum auch ein Bestandteil vieler homöopathischer Komplexmittel. Meist werden hier niedrige Potenzen verwendet. Diese können in der Apotheke gekauft werden, enthalten aber meistens keine Angaben zu den Anwendungsgebieten. Homöopathisch wird ebenso die Wirkung auf das Nervensystem genutzt.

Weiterführende Literatur:

  • Hiller, K., Melzig, M.: Die große Enzyklopädie der Arzneipflanzen und Drogen. Genehmigte Sonderausgabe für area verlag gmbH, Erftstadt 2007 1994
  • Fischer-Rizzi, S.: Medizin der Erde. Irisiana-Verlag
  • Wichtl, M.: Teedrogen und Phytopharmaka WVG Stuttgart

Homöopathische Anwendung von Johanniskraut

Balsam für die Nerven unterstützt bei:

  • Nervenverletzungen
  • starken Schmerzen durch Verletzungen
  • Muskelkrämpfen

Phytotherapeutische Anwendung von Johanniskraut

der Stimmungsaufheller

  • wirkt stimmungsaufhellend
  • kräftigt das Nervenkostüm
  • Wirkeintritt nach 2–3 Wochen

Der sprechende Wirkstoffkompass

Erfahren Sie mehr zu Johanniskraut in einem kurzen Clip mit Arzt und Apotheker Dr. Peter Reinhard.

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Bitte beachten Sie: Alles, was die Gesundheit unterstützen kann, kann ihr auch schaden. Häufig ist das eine Frage der Dosis oder der Verträglichkeit mit anderen Arzneimitteln und möglicherweise bestehenden Grunderkrankungen. Dieses Wirkstoff-Porträt nennt nicht alle Eigenschaften, die bei der arzneilichen Anwendung beachtet werden müssen. Lassen Sie sich daher über mögliche Neben- und Wechselwirkungen von Ihrem Arzt, Heilpraktiker oder Apotheker beraten und lesen Sie die Packungsbeilagen von Arzneimitteln.