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Stress als Ursache für Bauchschmerzen

So kann sich die Psyche auf die Verdauung auswirken

Es gibt unterschiedliche Reaktionen auf die Faktoren, die bei manchen Menschen Stress verursachen. Was den einen stresst, lässt den anderen unberührt. Der Dritte sieht es vielleicht sogar als Motivation an. Die Ursachen für die individuell verschiedene Reaktion liegen teilweise schon in den Genen. Wesentlich sind aber auch bisherige Lebenserfahrungen. Insbesondere nach großen Misserfolgen im Umgang mit Stressauslösern reagieren manche Menschen später sehr sensibel auf vergleichbare Stressverursacher. Bei anderen muss die Intensität des Stressors sehr hoch sein, bevor sie sich gestresst fühlen.

So individuell unterschiedlich wie die Reizschwelle für eine Stress-Reaktion ist, ist auch die Art der Reaktion. Während einige Menschen hauptsächlich Herzklopfen und hohen Blutdruck bemerken, stehen bei anderen Magen-Darm-Probleme, wie Durchfall, Verstopfung, Sodbrennen, Übelkeit oder Magenschmerzen bis hin zum Reizdarm, im Vordergrund.

Entscheidend dafür, ob der Stress auch gesundheitliche Probleme nach sich zieht, ist die Dauer der Stress-Reaktion. Bei akutem Stress hält auch die Stress-Reaktion nur wenige Minuten oder Stunden an. Chronischer Stress kann durch die langanhaltende Reaktion richtig krank machen. Insbesondere Magen und Darm sind dabei oft betroffen. Ein Beispiel:

Bereits 1967 konnte gezeigt werden, dass arabische Beduinen, die aus der Wüste in Städte umgesiedelt wurden, sehr häufig chronisch entzündliche Darmerkrankungen entwickelten.

Die Macht der Gedanken

Wer einmal die Erfahrung gemacht hat, dass vor einer Prüfung quälende Magenbeschwerden oder Durchfall das Wohlbefinden massiv eingeschränkt haben, befürchtet häufig, dass sich die Reaktion beim nächsten Mal wiederholt. Da unser Körper zwischen einer realen und einer gedanklichen Stresssituation nicht unterscheiden kann, führt dies tatsächlich in vielen Fällen zu einer psychischen Belastung mit den befürchteten körperlichen Reaktionen im Magen-Darm-Bereich. Eine negative Erwartungshaltung kann also tatsächlich zur Verschlimmerung der Situation beitragen.

Reizmagen und Reizdarm sind oft Folgen von Stress

Kann der Arzt für bestimmte Symptome im Magen-Darm-Trakt keine organische Ursache finden, spricht er von einer somatoformen Störung. Dazu zählen in vielen Fällen auch der Reizdarm und der Reizmagen, die in der Fachsprache als Colon irritabile und funktionelle Dyspepsie bezeichnet werden.

Typisch für eine funktionelle Dyspepsie sind immer wieder auftretende Magenschmerzen, Übelkeit bis hin zum Erbrechen, Völlegefühl und weitere Symptome im Oberbauch. Betroffene mit einem Colon irritabile (Reizdarm), leiden unter wiederkehrenden Schmerzen und veränderten Stuhlgewohnheiten: Durchfall und Verstopfung wechseln sich ab. Viele haben auch das Gefühl, dass sich der Darm nicht vollständig entleeren lässt und haben deshalb häufigen Stuhldrang.

Wie reagiert das Verdauungssystem auf Stress?

Das gesamte Magen-Darm-System wird von einem feinen Nervengeflecht durchzogen. Man spricht vom enterischen Nervensystem, wobei enteron das griechische Wort für Darm ist. Es handelt sich dabei um Teile des vegetativen, also unbewussten Nervensystems. Es steuert z. B. die Produktion der Verdauungssäfte und die Bewegung des Darms.

Unter Stress werden Adrenalin und andere Signalsubstanzen und Hormone ausgeschüttet, die an der Stressreaktion beteiligt sind. Da Nervensystem und Hormonsystem in einer engen Wechselbeziehung stehen, wird auch die Aktivität des vegetativen Nervensystems verändert. Als Folge von Stresshormonen werden meist weniger Verdauungsenzyme freigesetzt. Außerdem verringert sich die Speichelproduktion und die Freisetzung von schützenden Substanzen, wie Schleimstoffen und Bicarbonaten. Beeinflusst werden auch die für die Verdauung so wichtigen, fein koordinierten Bewegungen der Magen- und Darmmuskulatur. Außerdem verringert sich die Durchblutung dieser Organe.

Woher kommen die Schmerzen?

Die verstärkte Produktion von bestimmten Signalstoffen im Zusammenhang mit der Stress-Reaktion sorgt dafür, dass Magenschmerzen intensiver empfunden werden, als im entspannten Zustand. Gleichzeitig werden Reaktionen in Gang gesetzt, die zu Entzündungen führen können. Diese können die Schleimhaut im Magen bzw. Darmschädigen. Schmerzhafte Magenschleimhaut-Entzündungen können entstehen. Der Arzt spricht von einer Gastritis.

Besonders stark ist die Wirkung von psychosozialem Stress, wenn bereits entzündliche Prozesse oder Reizungen der Schleimhäute vorliegen. Dies kann bei Rauchern, nach dem Genuss von Alkohol, bei Nahrungsmittelallergien oder einer Autoimmunerkrankung der Fall sein. Von einer Autoimmunreaktion spricht man, wenn sich die Immunzellen gegen eigene Körperzellen richten. Das ist in vielen Organen und Organsystemen möglich – auch im Magen-Darm-Trakt.

Stress und chronisch entzündliche Darm-Erkrankungen

Stressige Situationen können auch einen Einfluss auf die Entstehung und den Verlauf von chronischen Magen-Darm-Erkrankungen haben. Allen voran gilt das für das Reizmagen- oder Reizdarm-Syndrom. Aber auch Patienten mit den chronisch entzündlichen Erkrankungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind diesbezüglich oft sehr empfindlich. Beide Krankheiten beginnen meist im jungen Erwachsenenalter, einer Lebensphase, die mit einer erhöhten Stressbelastung einhergeht. Stress wird zwar nicht als alleinige Ursache angesehen, kann jedoch die Symptome, wie Bauchschmerzen, verstärken oder einen akuten Krankheitsschub auslösen.

Auch die Darmflora kann leiden

Als weitere Folge einer Stressreaktion kann sich die Zusammensetzung der Darmbakterien verändern. Man spricht von einer Dysbiose. Eine gestörte Darmflora kann sich im Verdauungssystem z.B. durch Völlegefühl und Blähungen bis hin zum Reizdarm zeigen. Sie kann aber auch unbemerkt bleiben. Heute weiß man, dass eine Fehlbesiedlung im Darm viele Vorgänge im ganzen Körper betreffen kann, wie beispielsweise die Funktion des Gehirns.

Über die Stressreaktion des Darms wird auch das Immunsystem des ganzen Körpers beeinflusst, denn der Darm beherbergt 80 % der Zellen, die im Immunsystem aktiv sind und den Körper vor Krankheitserregern schützen. Die Vermutung liegt also nahe, dass  eine psychische Belastung, die über einen längeren Zeitraum besteht, dazu führen kann, dass man gegenüber Erkältungen oder Magen-Darm-Infektionen weniger widerstandsfähig ist.

Typische Symptome und ihre möglichen Ursachen

  • Saures Aufstoßen und Sodbrennen, eine schmerzhafte Reizung der Speiseröhre. Das kann z. B. durch eine übermäßige Produktion von Magensäure hervorgerufen werden oder durch eine Schwäche der Muskulatur, die die Speiseröhre auskleidet bzw. die den Magen von der Speiseröhre trennt. Stress kann diese Problematik fördern.
  • Übelkeit, Blähungen und Völlegefühl können auch dadurch entstehen, dass sich die Verdauung durch den Einfluss von Stresshormonen verlangsamt und die Nahrung so länger im Magen bleibt. 
  • Magenschmerzen kommen insbesondere bei chronischem Stress sehr häufig vor. Ausgelöst werden sie meist durch eine Kombination aus verschiedenen Faktoren: verminderte Transportgeschwindigkeit der Nahrung in den Darm, Reizung der Magenschleimhaut z. B. durch Entzündungsfaktoren. Außerdem zeigt sich häufig eine sehr starke Feinfühligkeit gegenüber Schmerzen und anderen unangenehmen Symptomen. 
  • Durchfall ist Folge einer schnelleren Passage der Nahrung durch den Darm. Beteiligt daran sind sowohl das Immunsystem, die Muskelbewegungen des Darms, als auch die Abgabe von Wasser und Salzen in den Nahrungsbrei, wie es bei Entzündungen der Fall sein kann. Da all das nerval reguliert wird, kann Durchfall ein häufiges Symptom in stressigen Phasen sein.
  • Verstopfung tritt dann auf, wenn der Nahrungsbrei zu lange im Darm bleibt und ihm dabei zu viel Wasser entzogen wird. Auch hier kann eine stressbedingt veränderte Bewegung der Darmmuskeln eine Rolle spielen. 

Was kann man gegen stressbedingte Verdauungsbeschwerden tun?

Stressabbau: Dazu bedarf es meist zunächst einmal der Einsicht, dass Änderungen im eigenen Verhalten notwendig sind, insbesondere dann, wenn die Stressauslöser im Moment nicht beseitigt werden können. Ziel ist es dann die Widerstandsfähigkeit zu erhöhen und so den Umgang mit und die Reaktion auf psychische Belastungen zu verändern. Dies kann z. B. durch das Erlernen von Entspannungsübungen, wie Autogenem Training oder Progressiver Muskelentspannung gelingen. Weitere Tipps zum Thema Stressabbau finden Sie hier [Link zu entsprechendem Kapitel im Anwendungsbereich Stress]

Ernährung

  • Die Mahlzeiten sollten klar von anderen Tätigkeiten – v.a. der Arbeit getrennt sein. Genussvolles Essen in ruhiger Atmosphäre und bewusstes Kauen können bereits helfen, den negativen Auswirkungen auf das Verdauungssystem vorzubeugen. Je bewusster man im Alltag isst, desto eher findet man heraus, wie der eigene Körper auf bestimmte Zutaten reagiert.
  • Insbesondere vor Stresssituationen sollte man fettreiches bzw. scharfes Essen meiden und eine leicht verdauliche, fettarme Mahlzeit bevorzugen.

Alte Hausmittel

  • Bei Sodbrennen: Es kann helfen, den Speichelfluss durch das Kauen eines Kaugummis anzuregen. Stilles Wasser hilft die Reizung der Speiseröhre zu vermindern. Zum Schlafen sollte man sich auf die linke Seite drehen. So kann man die natürliche Biegung im Übergang zwischen Speiseröhre und Magen nutzen, um einen Rückfluss der Magensäure zu verhindern.
  • Auf Kaffee, Zigaretten und Alkohol sollte man aufgrund ihrer reizenden Wirkung nach Möglichkeit verzichten.
  • Die entspannende Wirkung einer Wärmflasche oder eines Körnerkissens kann dazu beitragen, die Beschwerden zu reduzieren.

Naturheilkunde

  • Zur Reduzierung von Stresssymptomen mit innerer Unruhe hat sich die Passionsblume bewährt, die in Pascoflair in Form eines hoch dosierten Extraktes vorliegt.
  • Zur Linderung von Verdauungsbeschwerden, z. B. Blähungen und Völlegefühl eignet sich Pascoventral.

Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?

Abgesehen von chronischem Stress können Beschwerden im Verdauungstrakt noch eine ganze Reihe organischer Ursachen haben. Daher ist es wichtig, seine Beschwerden ernst zu nehmen und bei den folgenden Alarmsignalen einen Arzt aufzusuchen: Blut im Stuhl, Fieber, plötzlicher Gewichtsverlust, blutiges Erbrechen, nächtliches Erwachen aufgrund von Beschwerden und Probleme, die länger als 4 Wochen anhalten. Auch Sodbrennen und starke Magenschmerzen, die mehrmals pro Woche auftreten, sollten von einem Arzt untersucht werden.

Beitelrock, N. (2014). Einfluss von psychosozialem Stress auf die intestinale Barriere: Untersuchungen am Mausmodell. Dissertation Universität Regensburg.
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