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Forscher rütteln am "5 am Tag"-Dogma

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Täglich fünf Portionen Obst und Gemüse - so lautet die gängige Empfehlung. Doch laut einer Studie wären größere Mengen sogar noch besser, um das Risiko für Krebs und Herzerkrankungen zu senken. Mit einer Einschränkung.

©iStockphoto.com

"5 am Tag" - dazu rät die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Gemeint sind damit fünf Portionen Obst und Gemüse, also grob fünf Handvoll. Wem Zahlen lieber sind: Mindestens 400 Gramm Gemüse und 250 Gramm Obst pro Tag sollten es laut DGE der Gesundheit zuliebe sein.

In vielen Ländern, darunter Großbritannien, gibt es ähnliche Empfehlungen. Diese beruhen auf älteren Beobachtungsstudien, in denen sich zeigte, dass eine Ernährung an Obst und Gemüse reiche Ernährung vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützt.

Eine neuere Untersuchung aus Großbritannien kommt aber jetzt zum Schluss: Fünf Portionen sind gar nicht die beste Empfehlung. Vielmehr seien sieben Portionen, das berichtet das Team um Oyinlola Oyebode vom University College London im "Journal of Epidemiology and Community Health", mit einem noch größeren Schutzeffekt verknüpft.

Zwar können die Resultate nicht eindeutig beweisen, dass die Ernährung für die gesunkene Sterblichkeit verantwortlich ist - was in der Natur von Beobachtungsstudien liegt (siehe Kasten). Doch die Studiendaten legen nahe, es anzunehmen.

Dosenfrüchte oder Salat?
Die Forscher befragten gut 65.200 Teilnehmer. Sie ermittelten dabei Alter, Geschlecht, Body-Mass-Index (BMI) und den Bildungsgrad. Zudem fragten sie nach körperlicher Aktivität sowie Zigaretten- und Alkoholkonsum. Und sie fragten, wie viel und welche Art von Obst und Gemüse die Menschen am Tag zuvor gegessen hatten (Gemüse / frisches Obst / gefrorenes oder Dosenobst / Dörrobst / Hülsenfrüchte / Fruchtsaft oder Smoothies). Das Durchschnittsalter lag zu Beginn der Studie bei knapp 57 Jahren, es nahmen etwas mehr Frauen (56 Prozent) teil als Männer. Im Schnitt aßen sie 3,8 Portionen Obst und Gemüse pro Tag.

Durchschnittlich über knapp acht Jahre verfolgten die Wissenschaftler, ob jemand der Befragten starb. Insgesamt kamen 4399 der Studienteilnehmer ums Leben, das entspricht 6,7 Prozent. In der Gruppe, die am Tag weniger als eine Portion Grünzeug aß, lag die Sterblichkeit bei 8,2 Prozent. In der Gruppe mit dem höchsten Obst- und Gemüsekonsum (sieben Portionen und mehr) lag sie bei 4,1 Prozent.

Bei der Berechnung des relativen Risikos berücksichtigten die Forscher auch noch die anderen erfragten Faktoren mit ein. Menschen, die Gemüse meiden, pflegen in der Regel einen anderen Lebensstil als Gemüsefans. Unter anderem sinkt etwa der Anteil der Raucher mit steigendem Obst- und Gemüsekonsum. Sämtliche Faktoren mit einberechnet, kamen die Mediziner zu dem Fazit: Jene Probanden, die sieben oder mehr Portionen Grünzeug verzehrten, hatten innerhalb des Studienzeitraums ein um 42 Prozent niedrigeres Sterberisiko, als jene, die weniger davon verzehrten.

Dabei war der Verzehr von Gemüse und Salat stärker mit geringeren Todesraten verknüpft als das Essen von Obst. Der Konsum von gefrorenen oder Dosenfrüchten, die in eine Kategorie zusammengefasst wurden, ging dagegen mit einer leicht erhöhten Sterblichkeitsrate einher.

Fruchtsäfte, Smoothies und Co. ausgeschlossen
"Das könnte den schädlichen Einfluss von zugesetztem Zucker in Dosenfrüchten widerspiegeln", schreiben Chris Kypridemos von der University of Liverpool und zwei Kollegen in einem Kommentar im "Journal of Epidemiology and Community Health" . Dosenfrüchte, Trockenobst, Smoothies und Fruchtsäfte enthalten demnach relativ viel Zucker. Würde man die fünf täglichen Portionen allein aus diesen Lebensmitteln bestreiten, hätte man damit mehr Zucker aufgenommen, als mit einem halben Liter Cola, rechnen die Forscher vor. Die Studie, so die Meinung der Mediziner, unterstütze die Ansicht, dass man Fruchtsaft nicht mehr einbeziehen sollte, wenn es um die fünf Tagesportionen Obst und Gemüse geht.

Oyebode und Kolleginnen sind etwas zurückhaltender. Dass der Verzehr von Dosenfrüchten mit einer erhöhten Sterblichkeit einherging, könnte an anderen Faktoren liegen, die in der Studie nicht ermittelt wurden. Zum Beispiel sei es denkbar, dass Menschen, die insgesamt wenig freie Zeit zur Verfügung haben - und damit auch mehr Stress -, eher zu Dosenfrüchten greifen als zu frischem Obst.

Damit wäre man bei einem Hauptproblem von "5 am Tag": Dass es gesünder ist, mehr Obst und Gemüse zu essen als Burger und Co., wissen wohl die meisten. Aber vor allem fehlende Zeit, höhere Kosten sowie zum Teil auch mangelnde Motivation führen dazu, dass Menschen seltener zu Obst und Gemüse greifen, als empfohlen wird. Die von Kypridemos und Kollegen gestellte Frage, ob man "5 am Tag" vielleicht bald in "10 am Tag" umwandeln könnte, hilft leider nicht weiter, diese Hindernisse zu überwinden.

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