Von Thomas Kammler

Präsentismus: Trotz Krankschreibung zur Arbeit?

Frau sitzt krank im Büro

Gründe und Folgen davon, krank arbeiten zu gehen

Wer kennt das nicht von sich selbst, von direkten Kolleginnen und Kollegen oder anderen Mitarbeitern: Die Nase läuft im Dauerbetrieb, ein Hustenanfall folgt dem anderen, man fasst sich immer mal wieder an die Stirn, um mögliches Fieber festzustellen, und niest sich durch den Arbeitstag. Sollte man z.B. bei einer Erkältung nicht besser mit Tee und Wärmflasche im Bett bleiben, anstatt sich krank an den Arbeitsplatz zu quälen und eventuell noch andere Mitarbeiter mit der Erkrankung anzustecken? Der Körper sagt ja, der Verstand sagt nein. Dieses Phänomen wird Präsentismus genannt und bildet den Gegenpol zum Absentismus, der krankheitsbedingten Abwesenheit. Da es sich um ein weit verbreitetes Verhalten in der modernen Arbeitswelt handelt, sollte das Thema alle Mitarbeiter angehen, vom normalen Arbeitnehmer bis hin zur Führungskraft oder Geschäftsleitung. 

Der Begriff Präsentismus - eine Definition des Phänomens

Laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin gibt es bislang keine einheitliche Definition für Präsentismus. Die meisten Beschreibungen lassen sich aber auf die Kurzform "Arbeiten trotz Krankheit" zusammenfassen. Die Bezeichnung bezieht sich also auf das Phänomen, bei dem Mitarbeiter trotz gesundheitlicher Probleme aufgrund einer körperlichen oder psychischen Erkrankung, Krankmeldung oder gar Krankschreibung zur Arbeit erscheinen. Anders ausgedrückt: Der Begriff Präsentismus beschreibt ein Verhalten, bei dem Arbeitnehmer an ihrem Arbeitsplatz zwar physisch präsent sind, aber aufgrund von gesundheitlichen Beschwerden grundsätzlich nicht in der Lage sind, effektiv oder produktiv zu arbeiten. Das Problem: Diese Praxis kann negative Auswirkungen auf die Gesundheit der betroffenen Arbeitnehmer haben und gleichzeitig die Produktivität und Effizienz der Beschäftigten am Arbeitsplatz beeinträchtigen.

Zahlen und Statistiken

Einer aktuellen Studie der Techniker Krankenkasse (TK) "Präsentismus in einer zunehmend mobilen Arbeitswelt" geht mehr als ein Viertel der Beschäftigten nach eigenen Angaben zufolge "häufig" oder "sehr häufig" krank zur Arbeit. Nur 17 Prozent der 1233 Befragten würden generell im Krankheitsfall zu Hause zu bleiben. Seit der Corona-Pandemie ist das in dieser Zeit häufig genutzte Home-Office bzw. das mobile Arbeiten in Unternehmen zu einem verstärkenden Faktor geworden. Laut der Onlinebefragung arbeitet fast die Hälfte der Befragten (46 Prozent) im Homeoffice häufiger, obwohl sie sich krank fühlen. Rund jeder Dritte nutzt sogar Medikamente, um überhaupt arbeiten zu können. 

Die häufigsten Gründe, die in der Studie dafür genannt wurden, krank zu arbeiten, waren das Fehlen einer Vertretung, der Umstand, dass die Erkrankung keine ansteckende ist, der Wunsch, anderen Mitarbeitern im Unternehmen nicht zur Last zu fallen sowie wichtige Projekte oder dringende Termine. Ein weiterer häufig genannter Grund: Der Spaß an der Arbeit. 

Ursachen für Präsentismus: Warum schleppen sich Arbeitnehmer trotz Krankheit und gegen ärztlichen Rat zur Arbeit?

Dafür, krank arbeiten zu gehen, kann es unterschiedliche persönliche, arbeitsbedingte und gesellschaftliche Ursachen geben. Eine der vielen verschiedenen Gründe: Die Angst um den Arbeitsplatz. Die Gesundheit wird hintenangestellt, um im Job nicht zu viele Fehlzeiten anzusammeln, die möglicherweise zu beruflichen Nachteilen bis hin zu einer Kündigung führen könnten. Hier lautet also die Devise "besser krank arbeiten gehen als das Risiko einzugehen, keine Arbeit mehr zu haben".

Neben der Angst vor Arbeitsplatz-Verlust kann auch ein hoher Arbeitsdruck eine Ursache sein: Ein übermäßiges Arbeitspensum oder straffe Zeitpläne können dazu führen, dass Beschäftigte trotz gesundheitlicher Probleme weiterarbeiten, um Fristen einzuhalten, die Arbeitslast zu bewältigen oder ein "Auftürmen" der Arbeit durch Fehlzeiten zu vermeiden. Gleiches gilt, wenn es im Unternehmen keine ausreichenden Möglichkeiten gibt, ToDos an andere abzugeben. Auch dann können Mitarbeiter dazu neigen, selbst bei Krankheit weiterzuarbeiten.

Nicht zu unterschätzen sind aber auch andere Einflussfaktoren wie kulturelle Erwartungen bei der Arbeit: In einigen Organisationen wird Präsentismus als Zeichen von Engagement in der beruflichen Tätigkeit betrachtet. Das kann der Grund sein, dass sich Beschäftigte unter Druck gesetzt fühlen, immer verfügbar zu sein. Andererseits können Mitarbeiter das Gefühl haben, bei Absentismus den Anschluss im Unternehmen zu verlieren oder von Kollegen isoliert zu sein. Dies kann sie dazu veranlassen, das Haus zu verlassen und krank zur Arbeit zu gehen, um psychische Belastungen zu vermeiden.

Auch eine fehlende Sensibilisierung für Gesundheit am Arbeitsplatz innerhalb der Unternehmenskultur kann eine entscheidende Rolle spielen. Wenn Arbeitgeber, Führungskräfte und Unternehmen als Ganzes keine Kultur der Achtsamkeit fördern und betriebliche Gesundheitsförderung vernachlässigen, können Beschäftigte zögern, sich krank zu melden. Das Thema sollte daher auch im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements berücksichtigt werden. Daneben gibt es aber auch praktische Gründe, etwa, wenn man aufgrund zu langer Wartezeiten auf eine Untersuchung beim Arzt verzichtet und stattdessen krank zur Arbeit geht.

Es ist wichtig zu beachten, dass diese und weitere mögliche Ursachen von Präsentismus oft miteinander verknüpft sind. Eine ganzheitliche Betrachtung ist daher notwendig, um präventive Maßnahmen zu entwickeln. 

Arbeitsunfähigkeit: Darf man trotz Krankschreibung arbeiten gehen? 

Ja, grundsätzlich ist es erlaubt, trotz Krankschreibung zur Arbeit zu gehen – denn es existiert keine gesetzliche Regelung, die dies untersagt. Eine Krankschreibung ist nicht als Arbeitsverbot zu verstehen. Wer trotz Krankschreibung die Arbeit wieder aufnimmt, ist ganz normal kranken- und unfallversichert. Aber nicht alles, was erlaubt ist, ist auch gleichermaßen sinnvoll.
Die „AU-Bescheinigung“, also die „Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung“ (alias "gelber Schein") dient als Nachweis, dass ein Mitarbeiter zum Zeitpunkt X gesundheitlich nicht in der Lage ist, seine berufliche Tätigkeit auszuführen. Die Zeitspanne gibt an, wie lange diese krankheitsbedingte Fehlzeit voraussichtlich andauern wird. 

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Warum Präsentismus ein Problem ist - sowohl für Arbeitnehmer als auch für Unternehmen

Präsentismus ist ein Problem aus mehreren Gründen, da es negative Folgen für die betroffenen Mitarbeiter, das Arbeitsumfeld und letztendlich auch auf die Gesamtleistung der Arbeit haben kann.

  • Arbeitnehmer, die trotz Krankheitssymptomen arbeiten, setzen sich dem Risiko aus, ihre eigene Gesundheit weiter zu verschlechtern. Dies kann zu längeren Krankheitszeiten führen und die Genesung verzögern. Ein gutes Beispiel hierfür sind verschleppte Erkältungen, die auf Dauer zu Komplikationen wie Bronchitis, Lungen- oder Herzmuskelentzündung führen können. Es gibt zudem Hinweise darauf, dass Präsentismus bei einem gleichzeitig eher schlechten Gesundheitszustand langfristig das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht. 
  • Wirtschaftliche Folgen durch geringe Produktivität und geminderte Qualität: Krankheitsbedingte Einschränkungen können die Arbeitsleistung beeinträchtigen. Mitarbeiter, die nicht in der Lage sind, ihre Aufgaben effektiv zu erfüllen, tragen möglicherweise nicht zur Produktivität des Unternehmens bei. Die Qualität der Arbeit kann aufgrund von gesundheitlichen Beeinträchtigungen und verminderter Konzentration während des Präsentismus leiden, was zu Fehlern und geringerer Arbeitseffizienz führen kann. Studien zeigen, dass Präsentismus die Kosten für Absentismus erreichen und sogar übersteigen können.
  • Ausbreitung von Krankheiten: Präsentismus am Arbeitsplatz kann die Verbreitung von Krankheiten fördern, wenn sich Mitarbeiter trotz ansteckender Krankheiten im Büro aufhalten. Tröpfcheninfektionen werden für Mitmenschen so zu einem erhöhten Krankheitsrisiko zum Beispiel für Erkältung, Grippe, Bronchitis oder Mandelentzündung.
  • Gesundheitliche Folgen durch mangelnde Erholung: Mitarbeiter, die sich nicht ausreichend erholen, sind möglicherweise längerfristig arbeitsunfähig, was zu längeren Fehlzeiten führen kann. Ein angemessener Erholungszeitraum ist eine der wichtigsten Maßnahmen, um die Gesundheit und Leistungsfähigkeit zu erhalten.
  • Präsentismus kann eine ungesunde Arbeitsplatzkultur bzw. Unternehmenskultur fördern, in der es als selbstverständlich angesehen wird, trotz Krankheit zu arbeiten. Dies kann zu einem hohen Druckklima und gesteigertem Stress führen - und unter dem Strich den Krankenstand im Unternehmen sogar erhöhen.
  • Kosten für das Gesundheitswesen als mögliche Folge: Indem Mitarbeiter ihre Gesundheitsprobleme nicht angemessen behandeln und sich ausruhen, bis sie tatsächlich gesund sind, können langfristig höhere Kosten für das Gesundheitswesen entstehen, da schwerwiegendere Erkrankungen auftreten können. 

Es ist wichtig, dass Unternehmen und Arbeitgeber sich der Auswirkungen von Präsentismus bewusst sind und Maßnahmen ergreifen, um eine gesunde Arbeitsumgebung zu fördern. Dies kann die Sensibilisierung für die Bedeutung von Pausen und Erholung in der Arbeitswelt, die Förderung einer positiven Arbeitsplatzkultur sowie die Bereitstellung von Informationen und Unterstützungsleistungen für die Mitarbeiter umfassen. Das sich dies lohnt, zeigt ein Blick in unsere Krankenstatistik: Aufgrund unseres umfassenden, ganzheitlich orientierten Betrieblichen Gesundheitsmanagements liegt die Gesundheitsquote bei Pascoe Naturmedizin nun schon mehrere Jahre in Folge 50 % über dem Branchendurchschnitt. Dafür wurden wir im Jahr 2021 mit dem Award "Betriebliche Gesundheitsförderung" vom Great Place to Work Institut Deutschland ausgezeichnet.

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Quellenangaben & weiterführende Literatur

Bücher

  • Wilke, C.: Gesundheitsbedingte Leistungseinbußen bei der Arbeit durch Präsentismus, Präv Gesundheitsf 2015, 10:35–40, DOI 10.1007/s11553-014-0468-8. Auflage 2024*

Weblinks

*: Bei Literatur: Erscheinungsjahr; bei Webseiten: Datum des letzten Abrufs

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