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Kinderlähmung in Syrien

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Kinderlähmung in Syrien – was es für uns bedeuten kann wenn „beinahe ausgerottete” Infektionskrankheiten in Krisengebieten ausbrechen?

Zunächst einmal muss man die Kinderlähmung, d.h. die Virusinfektion Poliomyelitis wieder ins Gedächtnis rufen, da sie bereits als „fast ausgerottet“ galt und in unseren Breitengeraden nur in sehr seltenen Ausnahmefällen in Erscheinung tritt. Dies ist auch ein Grund für mangelnde praktische Erfahrung mit der Erkrankung und wachsender Impfmüdigkeit auf Seiten der Bevölkerung.

Lehrbuchauszug – „Allgemeines: Poliomyelitis-Viren sind weltweit Ursache häufig abortiv verlaufender Erkrankungen, selten kommt es zu neurologischer Symptomatik wie z.B. Lähmung peripherer motorischer Nerven (Kinderlähmung).“ [aus: Duale Reihe, Innere Medizin, Thieme-Verlag 2009]

Im Klartext heißt das, bei über 90 % der Infizierten kommt es zu keinen Beschwerden. Etwa jeder 10. entwickelt „banale fieberhafte Schübe mit Übelkeit, Bauchschmerzen und Durchfall. Nur bei ca. 1 % kommt es (häufig nach einer symptomfreien, also beschwerdefreien Phase) zu „neurologischer Symptomatik“ mit Fieber, Muskelkrämpfen und -schmerzen, Nackensteife und nervlichen Überempfindlichkeiten. Eine Enzephalitis, die Entzündung des Gehirns, stellt eine Rarität dar, ist aber im Falle des Falles ein klarer Grund für eine Krankenhauseinweisung und dortige Isolierung. Letztere Situation kann durchaus lebensbedrohlich sein und intensivmedizinisch behandelt werden, wobei: eine gezielte Therapie ist zu keinem Zeitpunkt der Infektion möglich, weshalb die mögliche Prophylaxe, also der Schutz durch Impfung, derart wichtig ist!

Der Mensch ist Überträger, ob erkrankt, infiziert bloß ohne Beschwerden oder geimpft und damit geschützt. Die Viren werden über Monate mit dem Stuhl ausgeschieden und per sog. fäkal-oraler oder auch „Schmierinfektion” übertragen. Hygiene ist daher ein Schlüsselfaktor, wodurch auch klar wird, warum die Problematik gerade in weniger entwickelten Ländern oder Krisengebieten akuter ist.

„Auf jeden Gelähmten kommen 200 Infizierte, die das Virus weiterverbreiten”, erklärt Konrad Beyrer, der die Nationale Kommission für die Polio-Eradikation in Deutschland leitet. Das heißt, dass sich in Syrien vermutlich bereits mehrere tausend Menschen angesteckt haben. [FOCUS Magazin Nr. 45 (2013)]

Mit den Flüchtlingen kann also auch das Virus zu uns gelangen. Deshalb gilt allgemein, aber vor allem vor Aufenthalten in aktuellen Problemgebieten oder in einem der angrenzenden Länder: „Impfschutz gegen Polio überprüfen”, so das Robert-Koch-Institut (RKI). Liege die Polio-Impfung mehr als zehn Jahre zurück, sollte sie aufgefrischt werden – und das bis ins hohe Alter. „Gerade im Alter ist das Immunsystem nicht mehr so fit. Es kann sich nicht mehr ganz so gut gegen Erreger wehren. Erkrankungen nehmen deshalb oft einen schwereren Verlauf und können sogar tödlich enden”, sagt Dietmar Beier (sächsische Impfkommission, Siko). [Süddeutsche Zeitung - 14.10.2013]

Lange Zeit hat man bei uns die sog. „Schluckimpfung” praktiziert. Dabei werden abgeschwächte Viren über den Magen-Darm-Trakt aufgenommen und unser Immunsystem bildet Antikörper gegen eben diese Viren, um bei einem Aufeinandertreffen mit „normal aktiven Viren“ reagieren zu können. Diese Form der aktiven Impfung bietet zwar den stärksten Impfschutz, birgt aber auch ein Risiko: die abgeschwächten Viren können sich in unserem Körper verändern und dann gerade die Krankheit hervorrufen, vor der die Impfung schützen sollte. Daher ist mittlerweile die IPV-Impfung (inaktivierte oder injizierbare Polio-Vakzine), eine Spritze mit Totimpfstoff, der Standard bei uns. Neben schon jetzt weniger Nebenwirkungen bietet diese Form der Impfung vielleicht in naher Zukunft einen noch besseren Immunschutz mit weniger Impfungen. Grund dafür ist, dass von den ursprünglich vorkommenden 3 Arten von Polio-Viren mittlerweile 2 ausgerottet scheinen – man kann sich evtl. auf den letzten verbleibenden Erreger fokussieren.

Die Möglichkeit sich zu schützen besteht also…
…und wurde in der Vergangenheit auch wahrgenommen: die Impfquote von 94,7 Prozent liegt 0,3 Prozent unter dem empfohlenen Richtwert der WHO, ab dem ein relativ sicherer Schutz angenommen werden kann. 0,3 Prozent hört sich harmlos an, deutet aber - auf Europa hochgerechnet - auf ein bestürzendes Risikoszenario. Experten rechnen damit, dass in Europa bis zu 12 Millionen Kinder nicht vor Polio geschützt sind. Allein in Deutschland haben fünf Prozent der Kinder bis zum Schulanfang noch nicht die empfohlenen Impfdosen erhalten. Bei weiteren sieben Prozent ist der Impfstatus unbekannt. [ZEIT-online - 07.11.2013]

Fazit: lassen Sie ihren Impfstatus überprüfen und frischen Sie Ihren Immunschutz ggf. wieder auf – Sie helfen dadurch nicht nur sich selbst, sondern sind damit Teil der Bewegung, die für die Auslöschung der gefürchteten Krankheit Kinderlähmung kämpft!

Quellen:
1. Duale Reihe, Innere Medizin, Thieme-Verlag 2009: Polio-Myelitis-Viren
2. Poliomyelitis: Ratgeber Infektionskrankheiten des RKI
3. Epidemiologisches Bulletin, Robert-Koch-Institut, Berlin 12. Juli 2010: Polio-Ausbruch in Tadschikistan
4. Pharmazeutische Zeitung Ausgabe 45/2013: Weltweite Wachsamkeit nötig
5. FOCUS Magazin Nr. 45 (2013): Kehrt die Kinderlähmung zurück nach Deutschland?
6. Süddeutsche Zeitung - 14.10.2013: Nur ein kleiner Pieks
7. ZEIT-online - 07.11.2013: Schwächelnder Schutz
7. Pharmazeutische Zeitung Online - 14.05.2010: Zentralasien: die Rückkehr der Polio
8. http://www.who.int/csr/don/2013_10_29/en/index.html 
9. http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2010/Ausgaben/30_10.pdf?__blob=publicationFile