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Cantharis: Die Spanische Fliege ist eigentlich ein Öl-Käfer

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Ein Wirkstoff, der es in sich hat

Schon der deutsche König und Kaiser Heinrich IV, bekannt durch seinen Gang nach Canossa, soll die Spanische Fliege als potenzförderndes Mittel benutzt haben. Aber wussten Sie, dass Cantharis in früheren Zeiten nicht nur als Potenzmittel, sondern auch zum Vollstrecken von Todesurteilen diente? Cantharidin aus der Spanischen Fliege ist in höheren Dosierungen giftig. Das weiß man nicht erst seit dem Ägyptenfeldzug Napoleons, bei dem Teile seiner Truppen mit dem Gift konfrontiert wurden, ohne es zu merken: Wie gewohnt verspeisten die französischen Soldaten Frösche. Diese Nilfrösche hatten jedoch zuvor die Ölkäfer verspeist und deren Gift in ihren Körpern angereichert. Durch das Verspeisen der Frösche vergifteten sich wiederum die Soldaten. Aber wozu produzieren die Käfer überhaupt das Cantharidin?

Verwirrende Namen: Insekt ja, Fliege nein

Cantharis - die Spanische Fliege - ist zwar ein Insekt, jedoch keine Fliege, sondern ein Käfer. Sie gehört auch nicht zur Käfergattung Cantharis. Ihr lateinischer Name ist Lytta vesicatoria, also gehört sie der Käfer-Gattung Lytta an. Zusammen mit den Cantharis-Arten gehören die Lytta-Arten in die Familie der Ölkäfer (Meloidae) und für diese ist die Bildung des Wirkstoffes Cantharidin ein typisches Merkmal.

Glänzender Vielfraß aus dem Mittelmeerraum

Die Käfer haben einen schlanken Körper und werden 1 bis 2 cm groß. Auffällig ist die metallisch-grüne Farbe – manchmal auch grünlichblau, kupferig oder goldig. Die Flügeldecken sind lederartig gerunzelt und fettglänzend. Sie mögen Wärme und fliegen besonders gern in Gegenden, wo Eschen, Flieder, Oliven und Liguster wachsen - in Süd- und Mitteleuropa. Sie kommen aber auch im gesamten Mittelmeerraum vor, besonders im Osten. In Österreich sind sie häufig, in Deutschland eher vereinzelt und nur zeitweise zu finden. Bei Massenauftreten können sie durchaus beträchtlichen Schaden bei den Fraßpflanzen anrichten.

Cantharidin – ein Wirkstoff, der es in sich hat

Die Körperflüssigkeit von Insekten wird als Hämolymphe bezeichnet. Sie ist ähnlich wie unsere Lymphe bzw. unser Blutplasma zusammengesetzt, enthält aber auch chemische Verbindungen, die ganz typisch für bestimmte Tierarten sind, wie das Cantharidin der Ölkäfer.

Dieser Wirkstoff ist der Grund dafür, dass manche Ölkäfer auch als Blasenkäfer bezeichnet werden: Bei Hautkontakt mit diesem Reizgift kommt es zur Blasenbildung und genau diesen Effekt kann man in der Naturheilkunde bei der Anwendung der Canthariden-Pflaster nutzen.

Wofür brauchen die Ölkäfer das Cantharidin?

Sie setzen diesen Stoff teilweise als Lockstoff ein, vor allem aber als Wehrsekret. Bei einer möglichen Bedrohung pressen sie einen Teil ihrer cantharidinhaltigen Hämolymphe an den Beingelenken heraus und versuchen so, den Angreifer abzuwehren.

Nutzung durch den Menschen früher und heute

Schon im Altertum war die Wirkung dieses Giftes bekannt. Einerseits nutzte man es zur Vollstreckung von Todesurteilen – ähnlich wie den Schierlingsbecher. Andererseits galt Cantharis seit jeher als Potenzmittel, das nicht etwa im Sinne eines Aphrodisiakums die Lust steigern, sondern eine langanhaltende Erektion herbeiführen soll – allerdings um den Preis einer Schädigung von Leber und Nieren oder gar des Todes – immerhin liegt die tödliche Dosis bei 0,5 mg pro kg Körpergewicht.

Wohl dosiert wurden die zu Pulver zermahlenen Käfer oral bei Harnwegserkrankungen eingesetzt. Äußerlich kamen sie bei Dellwarzen und zum Entfernen von unliebsamen Tätowierungen zum Einsatz: Durch die Blasenbildung auf der Haut sollte das Tattoo verschwinden oder nach der Abheilung zumindest nicht mehr so sichtbar sein. Interessant ist, dass die pharmakologische Forschung den Cantharidin-Test (Hautblasenversuch) einsetzt, um die Konzentration von Arzneistoffen in der Gewebeflüssigkeit zu messen. Dass der Inhalt der Blase den Zustand des Interstitiums widerspiegelt, wird auch in der erfahrungsheilkundlichen Diagnostik und Therapie genutzt.

Cantharis in der Naturheilkunde

Dementsprechend wird Cantharis in der Naturheilkunde vor allem äußerlich angewandt – in Form von Salben oder Pflastern. Bei Dellwarzen beispielsweise kamen und kommen teilweise auch heute noch cantharishaltige Salben zum Einsatz.

Sehr beliebt waren Canthariden-Pflaster zur Schmerz- bzw. Hautreiztherapie bei chronischen Erkrankungen. Allerdings setzt die Anwendung eine hohe Fachkompetenz voraus und es ist schwierig geworden, diese Pflaster zu bekommen – einige Apotheken stellen sie aber zur Abgabe an Fachkundige noch her.

Homöopathische Anwendung von Cantharis (Spanische Fliege)

In der Homöopathie wird Cantharis angewandt bei:

  • akuten Entzündungen der Harnorgane
  • Blasenreizung mit starkem Brennen
  • schmerzhaftem Harndrang
  • Nierensteinen, Sand und Grieß