Von Thomas Kammler

B-Vitamin Folsäure in der Schwangerschaft - und ein märchenhafter Salat

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Welche Bedeutung hat das Vitamin Folsäure für Schwangere? Und was könnte Rapunzel damit zu tun haben?

B-Vitamin Folsäure in der Schwangerschaft

Werfen wir einen Blick auf das Grimm´sche Märchen "Rapunzel", um einem möglichen Zusammenhang zwischen Schwangerschaft und Folsäure näherzukommen:  Rapunzels Mutter entwickelt in ihrer Schwangerschaft einen nicht zu zügelnden Appetit auf den im Garten der Nachbarin wachsenden Salat. Dabei handelt es sich vermutlich um Feldsalat, der auch heute noch in einigen Gegenden den Namen Rapunzel trägt. Nachdem ihr Mann wiederholt für seine Frau Salat aus dem Garten stiehlt, wird er erwischt und muss der Zauberin sein Kind versprechen, welches sie später in einen Turm sperrt - Rapunzel. Eine Erklärung für den Heißhunger von Rapunzels Mutter auf den Salat könnte dessen hoher Gehalt an Vitamin Folsäure gewesen sein. Möglicherweise hat ihr Körper damit signalisiert, dass er sich in der Schwangerschaft zum Wohle des ungeborenen Kindes eine zusätzliche Zufuhr an diesem gesunden und für den Körper sehr wichtigen Nährstoff wünscht.

Wissenswertes rund um die Folsäure: Wie gesund ist das Vitamin?

Folsäure, auch Vitamin B9 genannt, ist ein wasserlösliches Vitamin und gehört zur Familie der B-Vitamine. Sie ist notwendig für die Zellteilung und die Zellneubildung. Im menschlichen Körper werden ständig neue Zellen gebildet, demnach ist die Folsäure von Anbeginn des Lebens sehr wichtig. Außerdem spielt sie eine wichtige Rolle bei der Blutbildung, Gedächtnisleistung und allgemeinen Vitalität. 

Was ist der Unterschied zwischen Folsäure und Folat? 

Das natürlich vorkommende Vitamin trägt die Bezeichnung Folat, wobei es unterschiedliche physiologisch aktive Folatverbindungen gibt. Die industriell hergestellte Form des Vitamins trägt den Namen Folsäure. Sie nutzt man beispielsweise, um Lebensmittel damit anzureichern oder wird für Nahrungsergänzungsmittel und andere Vitaminpräparate verwendet. 

Und was versteht man unter einen Folsäureäquivalent? 

Die nachfolgenden Mengenangaben zu Folsäure bzw. Folat werden in Folatäquivalenten angegeben. Das hat folgenden Hintergrund: Natürliche, in Lebensmitteln vorkommende Folate und die synthetisierte Folsäure werden vom menschlichen Körper unterschiedlich aufgenommen und in physiologisch aktive Folatverbindungen umgewandelt. Da Folsäure stabiler ist als Folat erreicht sie eine bessere Bioverfügbarkeit im Körper, d.h. sie kann besser aufgenommen und verwertet werden. Auf nüchternen Magen gilt dann: 1 Mikrogramm Folat-Äquivalent entspricht 1 Mikrogramm Folat aus Lebensmitteln oder 0,5 Mikrogramm Folsäure.
Veranschaulicht an einem Beispiel: Lautet die Tagesverzehrsempfehlung für Schwangere 550 µg Folatäquivalente, so können diese entweder durch 550 µg Folat aus Lebensmitteln oder 275 µg Folsäure aus Nahrungsergänzungsmitteln gedeckt werden.

Wieviel Mikrogramm Vitamin B9 sollte man gemäß der Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) über Lebensmittel zu sich nehmen?

Die Empfehlungen der DGE orientieren sich an dem unterschiedlichen Bedarf in unterschiedlichen Lebensphasen bzw. Altersstufen. Für Erwachsene (Frauen und Männer) werden 300 Mikrogramm (µg) empfohlen. Gleiches gilt für Jugendliche und junge Erwachsene von 13 bis 19 Jahren.
Diese empfohlene Zufuhr durch die Ernährung erreicht ein Großteil der Erwachsenen in Deutschland allerdings nicht, wie die Nationale Verzehrsstudie (NVS II) herausgefunden hat: Hier liegt die durchschnittliche Zufuhr bei Männern bei 207 µg pro Tag und bei Frauen sogar nur bei 184 µg pro Tag.

Wieviel Folsäure braucht ein Baby bzw. ein Kind?

Säuglinge von 0 bis unter 4 Monate sollten täglich 60 µg Folsäure aufnehmen, von 4 bis 12 Monaten steigert sich die Empfehlung auf 80 µg. Kinder von 1 bis 4 Jahren erhalten 120 µg, von 4 bis 7 Jahren 140 µg, von 7 bis 10 Jahren 180 µg Folsäure. Für Jugendliche zwischen 10 und 13 Jahren werden 240 µg empfohlen.

Ernährung: Mit welchen Lebensmitteln kann man den Bedarf des Körpers an Folsäure decken?

Folat ist sowohl in tierischen als auch in pflanzlichen Lebensmitteln enthalten. Bei einer ausgewogenen Ernährung besteht also auch für Veganer und Vegetarier die Möglichkeit, sich ausreichend mit Vitamin B9 zu versorgen. Einen sinnvollen Beitrag zu einer folatreichen Ernährung können unterschiedliche Lebensmittel, beispielsweise grünes Blattgemüse wie Spinat, leisten. Aber auch in Hülsenfrüchten sowie vielen Getreidesorten finden sich nennenswerte Mengen. Gute Folatlieferanten sind darüber hinaus Salate, wie der eingangs erwähnte Feldsalat, Tomaten, Kartoffeln, Nüsse, Orangen, Sprossen, Weizenkeime sowie Leber (wichtiger Hinweis bei Schwangerschaft: im ersten Drittel der Schwangerschaft sollte auf den Verzehr von Leber verzichtet werden).

Vitamin B9 und Kinderwunsch

Im Zusammenhang mit einem Kinderwunsch wird auch regelmäßig Folsäure empfohlen. Zu Recht: Frauen im gebärfähigen Alter, die eine Schwangerschaft planen oder schwanger werden könnten, sollten zusätzlich zu einer folatreichen Ernährung 400 μg synthetische Folsäure pro Tag oder äquivalente Dosen anderer Folate in Form eines Präparats einnehmen, um Neuralrohrdefekten beim Baby vorzubeugen. Diese zusätzliche Einnahme von Folsäure-Präparaten bzw. Folat sollte mindestens 4 Wochen vor Beginn der Schwangerschaft anfangen und während des ersten Schwangerschaftsdrittels beibehalten werden - so die Empfehlung der DGE hinsichtlich eines Kinderwunschs und zu Beginn der Schwangerschaft. 

Sonderfall Schwangerschaft: Wieviel Folsäure empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung für Schwangere?

Für Schwangere ist dies ein besonders wichtiges Thema, kein Wunder, denn Vitamin B9 gehört zu den wichtigsten Vitaminen in der Schwangerschaft. Für Schwangere und Stillende gibt es höhere Empfehlungen: Schwangere decken mit der Einnahme von 550 Mikrogramm Folsäure ihren Tagesbedarf und den des Ungeborenen. Frauen in der Stillzeit sollten 450 µg zu sich nehmen, um eine ausreichende Versorgung mit Folsäure und eine gesunde Entwicklung des Babys sicherzustellen. In Schwangerschaft und Stillzeit ist es daher sinnvoll, gezielt Lebensmittel mit einem hohen Folatgehalt auszuwählen und gegebenenfalls zusätzlich zu supplementieren. Am besten bespricht man dies bereits beim Aufkommen des Kinderwunsches im Vorfeld der Schwangerschaft in der gynäkologischen Praxis. 
Hier besteht noch deutlicher Informationsbedarf, wie die Studie zur Erhebung von Daten zum Stillen und zur Säuglingsernährung in Deutschland (SuSe II) herausgefunden hat. Nur 81,7 Prozent der rund 1000 befragten Frauen nahmen in der Schwangerschaft ein Folsäurepräparat ein – und nur knapp die Hälfte (45,4 Prozent) bereits vor Beginn der Schwangerschaft.

Warum ist Folsäure in der Schwangerschaft und Stillzeit so enorm wichtig?

Neben Jod, Omega-3-Fettsäuren und Vitamin B12 ist Folsäure für werdende Mütter ein zentraler Vitalstoff. Umso wichtiger ist es für schwangere Frauen, sich ausreichend über die Ernährung mit dem gesunden Vitamin zu versorgen und über eine ergänzende Einnahme z.B. über Nahrungsergänzungsmittel nachzudenken, um zusätzlich Folsäure aufzunehmen. So können Frauen mögliche Schädigungen des Kindes in der Schwangerschaft wie ein offener Rücken, Neuralrohrdefekte oder eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, die durch einen Folsäuremangel ausgelöst werden können, vermeiden. 
Weitere Informationen zu den Vitalstoffen Vitamin B12, Omega-3-Fettsäuren sowie Jod finden Sie im Bereich Wirk- und Inhaltsstoffe. Mehr zum Thema B-Vitamine und Vitamin-B-Mangel finden Sie in den entsprechenden Anwendungsbereichen.

Quellen:

Deutsche Gesellschaft für Ernährung, "Ausgewählte Fragen und Antworten zu Folat", 2018 (online abgerufen am 24.02.2022)
https://www.frauenaerzte-im-netz.de/aktuelles/meldung/nur-die-haelfte-der-schwangeren-nimmt-folsaeure-und-jod-gemaess-den-empfehlungen/  (abgerufen am 24.02.2022)
Bundesinstitut für Risikobewertung, Schwanger werden? - Aber nicht ohne Folsäure! - Faltblatt des BfR (online abgerufen am 24.02.2022)
aerzteblatt.de, "Stiftung Kindergesundheit empfiehlt Folsäure schon in der Vorbereitung auf eine Schwangerschaft", https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/101255/Stiftung-Kindergesundheit-empfiehlt-Folsaeure-schon-in-der-Vorbereitung-auf-eine-Schwangerschaft, (abgerufen am 24.02.2022)