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Wie uns Dauerbelastung krank macht

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Gelegentlicher Stress ist positiv. Wenn der Körper aber dauernd in Alarmbereitschaft ist, brennt der Mensch aus und wird krank. Neuroendokrinologen raten, frühzeitig auf die Bremse zu treten.

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Nur noch eine halbe Stunde, dann stehen die Gäste vor der Tür! Der Tisch ist nicht gedeckt, es gibt noch viel zu schnippeln, das Dessert muss angerührt werden. Und im Schlabberlook stecken Sie auch noch. Wie sollen Sie das rechtzeitig schaffen? Die Hände werden feucht, Sie fangen an zu schwitzen, der Blutdruck steigt, die Aufmerksamkeit ist erhöht. Das typische Stressverhalten, das den Frühmenschen bereit für die Flucht oder den Angriff machte, hilft Ihnen jetzt beim schnelleren Arbeiten.

"Diese Akutphasen von starkem Stress wirken sich durchaus positiv aus", sagt der Neuroendokrinologe Günter Stalla vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. "Die wichtigste Stresshormonachse HPA wird aktiviert. Sie reicht vom Hypothalamus, einem Abschnitt des Zwischenhirns, über die Hirnanhangdrüse bis zu den Nebennieren." Daraufhin stellt der Körper Energiereserven bereit, das Immunsystem ist fitter, Hormonkaskaden werden aktiviert, so dass der Blutzucker, Wachstumshormone sowie die Stresshormone Kortisol, Adrenalin und Noradrenalin im Blut ansteigen.

Neue Erkenntnisse der Stressforschung
Ab und an ist das gut und hilfreich. Problematisch wird es aber, wenn keine ausreichenden Entspannungsphasen eingebaut sind und der Körper dauerhaft in Alarmbereitschaft ist. Dann wird aus akutem chronischer Stress. "Der wirkt sich auf den Stoffwechsel der Hormone negativ aus", warnt Stalla, der Präsident der European Neuroendocrine Association ist. "Viele Studien insbesondere aus jüngerer Zeit belegen, dass die dadurch verursachten Erkrankungen das Risiko für eine spätere Alzheimer-Erkrankung erhöhen."

Deshalb waren chronischer Stress und seine Folgen auch zentrales Thema beim 57. Symposium der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) Ende März in Dresden. Chronischer Stress sei die Folge lang andauernder Belastungsspitzen über Tage, Wochen oder gar Jahre, eines "Funktionieren-Müssens" in einer modernen Industriegesellschaft, führt Stalla aus. Kollateralschäden sind da programmiert. Der Mensch versucht, den chronischen Stress auszugleichen. Doch die Kompensationsstrategien, die er ergreift, führen häufig zu noch längeren Bürozeiten, Wochenendarbeit und abendlichen E-Mail-Checks.

Eine Scheidung, Arbeitslosigkeit, die längere Pflege eines kranken Angehörigen, Marathonlaufen oder eine chronische Erkrankung wie Typ-2-Diabetes können ebenfalls chronischen Stress verursachen. Häufig leidet dann auch der gesunde Lebensstil: Fehlernährung, Bewegungsmangel und Gewichtszunahme können ebenso Folge von Dauerstress sein wie Alkohol- und Medikamentenmissbrauch.

Weniger Sex, Depressionen, Hörsturz
Das alles geht am Körper nicht spurlos vorüber, die Liste der negativen Auswirkungen von Dauerstress ist bedenklich lang: Erhöhte Infektanfälligkeit, verzögerte Wundheilung, Zunahme von bösartigen Erkrankungen, Bluthochdruck, Zunahme des Bauchumfangs, Diabetes, schwindende Muskelmasse, Kopfschmerzen, Depressionen, Hörsturz oder Tinnitus. Weil der Testosteronspiegel absinkt, kommen sexuelle Unlust und Unvermögen hinzu, der Hippocampus wird kleiner, weshalb die Denkleistung nachlässt, und Schlafstörungen rauben die nächtliche Erholung. Die Tiefschlafphase verkürzt sich zunehmend und die Betroffenen wachen mehrfach nachts auf.

"Auch das Risiko für Osteoporose steigt, weil der Überschuss an Kortisol dazu führt, dass vermehrt Kalzium ausgeschieden wird", erklärt Stalla. "Der Mangel an Sexualhormonen wirkt sich ebenfalls negativ auf den Knochenstoffwechsel aus." So gesehen werde Osteoporose auch durch chronischen Stress verursacht, meint der Münchner Endokrinologe, ein Aspekt, der bislang vernachlässigt worden sei.

Soweit sollte man es möglichst nicht kommen lassen und bereits frühzeitig Gegenmaßnahmen treffen. "Dazu gehört beispielsweise das Entschleunigen", rät der Mediziner. "Sich einfach weniger vornehmen und ausreichende Bewegung in den Alltag einbauen." Auch Entspannungsübungen, Hobbys und soziale Kontakte pflegen, Musik hören, lesen und gesunde Ernährung seien wichtig. Aufputsch- und Suchtmittel sollte man dagegen besser meiden und natürlich genügend schlafen - solange man es noch kann. "Höchstleistungen im Berufsleben und permanente Erreichbarkeit sind gut, aber nicht um den Preis, dass man zum gesundheitlichen Wrack wird", warnt Stalla. "Die durch chronischen Stress hervorgerufenen Schäden lassen sich nicht rückgängig machen."

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