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Info-Broschüre hilft beim Schlafmittel-Entzug

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Vor allem ältere Menschen sind oft von Schlaftabletten abhängig. Ob allein etwas Fachinformation über Nebenwirkungen und Entzug helfen kann, haben kanadische Forscher untersucht. Das Ergebnis ist überraschend positiv.

©iStockphoto.com

1,1 bis 1,2 Millionen Menschen in Deutschland sind von Benzodiazepinen abhängig, schätzt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen. Die Beruhigungsmittel nehmen Ängste, bringen einen ruhigen Schlaf, lösen Krämpfe. Doch sie können eben auch schon nach wenigen Wochen süchtig machen. Und die Mittel stehen unter Verdacht, das Demenzrisiko zu erhöhen.

Die meisten Schlafmittel-Abhängigen sind mehr als 65 Jahre alt - das ist in Deutschland nicht anders als in Kanada, wo ein Forscherteam untersucht hat, wie gut Senioren mit Hilfe einer einfachen Maßnahme von den Tabletten loskommen können. Die im Fachblatt "Jama Internal Medicine" veröffentlichte Studie kommt zu einem überraschend positiven Ergebnis.

Mit Hilfe einer lediglich acht Seiten umfassende Informationsbroschüre (PDF hinter Bezahlschranke) konnten 62 Prozent der Senioren dazu angeregt werden, das Thema Schlafmittelentzug beim Arzt oder Apotheker anzusprechen. Der Text klärt vor allem über die Risiken der langfristigen Einnahme von Schlafmitteln auf und bietet eine Anleitung zum Entzug.

27 Prozent der Senioren war es nach einem halben Jahr gelungen, von den Beruhigungstabletten loszukommen, elf Prozent hatten immerhin die Dosis deutlich reduziert. In einer Kontrollgruppe, die die Broschüre noch nicht erhalten hatte, hatten im gleichen Zeitraum nur fünf Prozent der Teilnehmer die Benzodiazepine vollständig abgesetzt.

Das Thema selbst angesprochen
"Die Ergebnisse sind fantastisch", sagt Cara Tannenbaum von der Universität in Montreal. Viele Teilnehmer hätten die Pillen seit Jahren geschluckt. "Ihnen wissenschaftliche Informationen zur Verfügung zu stellen, hat sie dazu ermutigt, ihre medikamentöse Behandlung wieder selbst in die Hand zu nehmen", so Tannenbaum. Dadurch hätten sie das Thema bei Arzt oder Apotheker angesprochen und selbst dafür gesorgt, dass sie die Mittel schrittweise absetzten. "Nur weil Sie etwas über lange Zeit nehmen, heißt das nicht, dass sie niemals davon loskommen", sagt die Forscherin.

Die Wissenschaftler hatten für die Studie Apotheken in der Umgebung kontaktiert sowie über entsprechende Register Senioren identifiziert, die seit mindestens drei Monaten Benzodiazepine verschrieben bekamen. 303 Senioren beteiligten sich an der Studie. Alle Probanden nahmen zusätzlich zu dem Schlafmittel mindestens vier weitere Medikamente ein, im Schnitt waren die Teilnehmer 75 Jahre alt. Die Hälfte der Probanden erhielt zu Beginn die Informationsbroschüre, die andere bekamen sie erst nach sechs Monaten - also zu Studienende. Probanden und Apothekern sagten die Forscher, dass jeder das Manual irgendwann im Laufe eines Jahres erhalten würde: So war den Beteiligten nicht klar, ob sie zur Interventions- oder Kontrollgruppe gehörten.

Benzodiazepine schrittweise absetzen
In der Broschüre wird beschrieben, wie man binnen 21 Wochen Schritt für Schritt den Benzodiazepin-Konsum einschränken kann, um die Mittel schließlich komplett abzusetzen. Der Leser wird aufgefordert, dieses Entzugsschema beim Arzt oder Apotheker anzusprechen - was die Mehrheit der Teilnehmer auch tat. Die Studienergebnisse lassen erahnen, dass hier eine Hürde lag: Von denen, die den Entzug gar nicht erst versuchten, gab ein Drittel als Hauptgrund an, dass die Fachkraft vom Entzug abgeraten hatte. Dies war der am häufigsten genannte Hinderungsgrund.

Das langsame Absetzen der Tabletten verlief nicht ohne Nebenwirkungen, 42 Prozent litten zumindest zeitweise wieder unter den Schlafstörungen oder den Angstzuständen, die sie mit den Pillen bekämpften. Dennoch schaffte mehr als die Hälfte der Senioren, die es mit dem Entzug versucht hatten, den Absprung und etwa jeder Fünfte konnte zumindest die Dosis reduzieren.

Mit welchen Maßnahmen und Strategien das Absetzen von Schlaf- und Beruhigungsmitteln am ehesten gelingt, erklärt Gesundheitsinformation.de.

wbr
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