Mit Freunden teilen

Häufig Depressionen nach Intensivtherapie

116: 0

Bei einer Behandlung auf der Intensivstation leidet häufig die psychische Gesundheit. Nach einer US-Studie hat jeder dritte Betroffene in den Monaten danach Depressionen. Die psychischen Störungen äußern sich vorwiegend somatisch.

istockphoto.com

NASHVILLE. Heute überleben etwa 80 Prozent der Menschen, die auf einer Intensivstation behandelt werden, so eine US-Statistik.

Die psychische Gesundheit von Betroffenen nach der einschneidenden Erfahrung ist aber häufig angeschlagen, berichten Forscher um Dr. James Jackson von der Vanderbilt University in Nashville.

An einer prospektiven Multizenterstudie der Wissenschaftler nahmen 821 Patienten teil. Die Probanden im mittleren Alter von 61 Jahren wurden wegen respiratorischer Insuffizienz oder auch kardiogenem oder septischem Schock auf einer Intensivstation in Nashville behandelt (Lancet 2014, online 7. April).

Binnen drei Monaten nach der Therapie starben 252 von ihnen. Von den 569 Überlebenden nahmen drei Monate nach Klinikentlassung 448 an neurophysiologischen Tests teil. 382 Patienten standen nach zwölf Monaten für eine erneute Datenerhebung zu Depression, PTBS, funktionellen Einschränkungen und Lebensqualität zur Verfügung.

Depressionen viel häufiger als PTBS
Drei Monate nach der stationären Therapie hatten 37 Prozent der Patienten Depressionen mit meist leichten bis mittelschweren Symptomen. Nach zwölf Monaten waren es 33 Prozent.

Die meisten Patienten klagten im Rahmen des Depressions-Screenings eher über körperliche Beschwerden (etwa Schwäche, Appetitlosigkeit oder Abgeschlagenheit) als über seelische Beschwerden (etwa Schuldgefühle oder Traurigkeit).

Etwa jeder dritte dieser Probanden hatte keine depressive Störung in der Vorgeschichte. Zwei Drittel der leicht depressiven Überlebenden berichteten ausschließlich über somatische Beschwerden.

PTBS-Symptome, die möglicherweise ihrer schweren Erkrankung zusammenhingen, hatten nach drei und zwölf Monaten sieben Prozent der Patienten. Die Rate lag damit deutlich niedriger, als nach Studien zu erwarten gewesen wäre.

32 Prozent der Überlebenden fühlten sich auch drei Monate nach Klinikentlassung bei einfachen Aktivitäten des täglichen Lebens noch eingeschränkt, nach zwölf Monaten waren dies immer noch 27 Prozent.

Über Schwierigkeiten bei komplexeren Aufgaben wie Hausarbeit, Medikamenteneinnahme oder Einkaufengehen berichteten drei Monate nach der Entlassung noch 26 Prozent und nach zwölf Monaten 23 Prozent.

Natürlich hatte das Alter Einfluss auf Depression und Funktionsfähigkeit. Es zeigte sich aber kein durchgängiger Zusammenhang zwischen diesen Symptomen und einem Delirium, das sich bei Intensivpatienten von leichten Verwirrtheitszuständen bis hin zur Psychose erstrecken kann.

Rehabilitation entsprechend der Symptomatik
Ärzte müssen die psychische Gesundheit und die funktionellen Fähigkeiten von Patienten nach intensivmedizinischer Behandlung im Auge behalten, betonen die Forscher.

Zu beachten ist, dass sich Depressionen bei diesen Patienten meist mit somatischen Symptomen äußern, so die Studienautoren. Diesen Einschränkungen könne mit nichtmedikamentösen Maßnahmen begegnet werden.

Körperliche Beschwerden werden als Hinweis auf mögliche Depressionen leicht übersehen, betonen Hallie C. Prescott und Theodore J. Iwashyna von der University of Michigan in Ann Arbor in einem begleitenden Kommentar.

Allerdings werfe eine Überzahl somatischer Befunde im Depressions-Scores (Beck Depression Inventory II) natürlich auch die Frage auf, was damit eigentlich gemessen wurde, psychische oder physische Krankheit.

Denn die Symptome könnten auch ohne Weiteres von Komorbiditäten oder funktionellen Einschränkungen der Patienten herrühren. Dies wiederum stelle die Wertigkeit des Score-Ergebnisses infrage.

Trotzdem sei es wichtig, somatische Symptome nach einer Intensivbehandlung als Zeichen einer Depression zu erkennen und dagegen vorzugehen.

Copyright © 1997-2014 by Ärzte Zeitung Verlags-GmbH